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Radverkehr: Herne wird schlechter

Das Herner Abschneiden ist eigentlich nicht überraschend und auch kein Grund zu überschäumender Freude. Im ersten Fahrradklimatest von 2005 belegte Herne mit der Note 3,58 den 10. Rang im Bundesvergleich der Städte mit 100-200.000 Einwohnern. Heute wird eine Note von 3,7 erreicht, was bundesweit den Rang 11 bedeutet. In den letzten 12 Jahren ist also eigentlich im Urteil der Radfahren- den nichts Wesentliches passiert. Auch in anderen Großstädten gibt es in der Regel nur wenig positive Entwicklungen. Dies führt dazu, dass praktisch alle ihre Benotung – in Schulnote 4+ für Herne – und ihren Vergleichsrang halten.
Geht man ins Detail, so werden auch hier die bereits bekannten Faktoren aufgezählt: mäßige Qualität der Radinfrastruktur und daraus folgend auch wenig sicheres und komfortables Radfahren.
Ganz teilen wir die Einschätzung der Radfahrenden zur Lage des Radverkehrs in Herne und der Region Ruhrgebiet aber nicht. Für den Freizeitbereich wurden in den letzten Jahren viele Radtrassen mit teils sehr hoher Qualität geschaffen. So fährt man z.B. mittlerweile von der Stadtgrenze Herne weitgehend autofrei zur Ruhr und weiter bis Wuppertal oder ebenso autofrei bis Herten-Westerholt.
Die Probleme liegen eigentlich weiterhin im Alltagsradeln, also der Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen. Diese Wege finden überwiegend im verdichteten Stadtraum statt, wo Radfahrende nicht gleichberechtigt zum Autoverkehr behandelt werden. Ausdruck dieser Haltung ist gerade eine gestückelte und unübersichtliche Infrastruktur, die zudem häufig in schlechtem Zustand ist und/oder zu Konflikten mit Fußgängern führt, da die Radwege häufig zusammen mit den Gehwegen geführt werden oder schlichtweg zugeparkt sind. Hier fehlt es einfach an einer durchgängigen und mit hoher Qualität geplanten Radverkehrsinfrastruktur. Diese ist nur realisierbar, wenn große Teile des bestehenden Straßenraumes für den Radverkehr abgetrennt werden.
Zukunftsmusik? Typisch GRÜNE Spinnerei?
In Paris werden die Ufer der Seine autofrei umgebaut; in Manhattan gibt es seit 20 Jahren ein ständig wachsendes Radnetz und eine hohe Akzeptanz von Radfahrenden im normalen Verkehr – eine Folge der sehr restriktiven amerikanischen Verkehrsgesetzgebung, die gefährliches Autofahren sehr drakonisch ahndet; Chicago hat den Radverkehr neu entdeckt, dort gibt es geradezu einen Boom, der durch den Bau neuer Radstrecken befeuert wird. Alles autogerechte Städte, die jetzt Umschwenken und Stadtqualität neu Denken.
Die Radverkehrsfreundlichkeit holländischer und dänischer Städte wie Kopenhagen sind schon längst bekannt.
Eine solche Neubestimmung von Stadt als qualitativ hochwertiger, ökologischer Lebensraum gibt es gerade im Ruhrgebiet noch nicht. Wer also Spaß am Radfahren haben will und seines Lebens nicht allzu überdrüssig ist, der muss weitgehend Freizeitwege fahren oder aufs Wochenende mit wenig Verkehr warten.

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