Mehr Vielfalt wagen!

Im Mai hatte die Grüne Jugend Herne der Stadt einen umfassenden Fragenkatalog zum schwullesbischen Leben in Herne aufgegeben. Zur Auswertung der Antworten erklärt Raoul Roßbach, Sprecher der Grünen Jugend Herne:

Herne ist eine bunte Großstadt. Leider zeigen die Antworten  der Stadtverwaltung zu LSBTTI, dass dies bei der Stadtverwaltung noch nicht angekommen ist. Die Antworten offenbaren leider an einigen Stellen Unverständnis, Tatenlosigkeit und Desinteresse. Sie zeigen vor allem: Es gibt viel zu tun und wir stehen in Herne noch am Anfang.

Dass die Stadt ihre Tatenlosigkeit damit rechtfertigt, dass sich Jugendliche erst spät outen würden und dann  die Beratung in Anonymität in unseren Nachbarstädten suchen ist ein Armutszeugnis. Statt an einem gesellschaftlichen Klima zu arbeiten, dass jeden und jede akzeptiert und Vielfalt als Bereicherung erkennt finden wir uns bisher damit ab, dass sich unsere Jugendlichen in Anonymität nach Bochum stehlen. So kann und darf es nicht weitergehen. Schwule und lesbische Jugendliche brauchen Beratungs- und Jugendangebote. Sie brauchen Schutzräume in denen sie hier in unserer Stadt ihre Persönlichkeit ohne Angst entfalten und ihr Anderssein zusammen mit anderen entdecken und leben können.

Zudem brauchen wir Aufklärungsarbeit an Schulen, die sich eben nicht auf den Biologieunterricht beschränken und schon gar nicht mit der AIDS-Prävention in einen Topf geworfen werden darf. Dafür brauchen wir qualifizierte und geschulte Lehrkräfte.

Im wichtigen Bereich des Sport ist die Stadt bisher leider absolut tatenlos und offenbar grob uninformiert. Den „SC AufRuhr“ als schwullesbischen Herner Sportverein, der ein Aushängeschild und wichtiges Scharnier für unsere Stadtvielfalt sein kann, ist offenbar nicht einmal bekannt.

Grundsätzlich sind die bemerkten Schulungen der Stadtverwaltung im Gender- und Antidiskriminierungsbereich sinnvoll und richtig. Auch geschlechterspezifische Sensibilisierungen in Jugendzentren sind ein wichtiges Anliegen. Leider betrifft jedoch keine dieser Maßnahmen speziell die LSBTTI-Thematik und bieten deshalb keinen Ersatz für qualifizierte und spezielle Weiterbildung und Sensibilisierung.

Die Antworten der Stadtverwaltung zeigen: Herne steht in der LSBTTI Thematik noch ganz am Anfang. Es gilt jetzt zu überzeugen, anzupacken und Herne zu einer vielfältigen und bunten Stadt zu machen, die jedem und jeder ihre Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Für Entfaltungsmöglichkeiten, Akzeptanz und Gleichberechtigung aller unserer Bürgerinnen und Bürger zu kämpfen  ist eine Gesamtaufgabe aller gesellschaftlichen und politischen Kräfte unserer Stadt. Deshalb möchte ich von unseren Herner Bundestagsabgeordneten Gerd Bollmann und Ingrid Fischbach wissen wie sie gestern bei der Bundestagsabstimmung zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare abgestimmt haben und wie sie ihr Verhalten begründen.

 

Die Antworten der Stadtverwaltung im Einzelnen:

Frage 1:

Gibt es in der Verwaltung zuständige Stellen bzw. Ansprechpersonen für Fragen rund um LSBTTI? Wenn ja, welche und welche Aufgaben haben diese jeweils?

Antwort: Nein, in der Verwaltung gibt es keine derartigen Stellen bzw. Ansprechpersonen.

Frage 2:

Werden Mitarbeiter/innen besonders auf die Diskriminierungsproblematik geschult? Wenn ja, wie?

Antwort: Nach  Einführung  des  „Allgemeinen  Gleichbehandlungsgesetzes  wurde  eine  Vielzahl  von  Inhouse-Seminaren zum AGG für die Beschäftigten der Stadt Herne durchgeführt. Darüber  hinaus  wurden  alle  städtischen  Mitarbeiterinnen  und  Mitarbeitern  Informations-  und  Schulungsblätter  zur  Verfügung  gestellt,  die  über  wesentliche  Inhalte  des  Gesetzes informieren.

Für  Führungskräfte  ist  das  Seminar  „Allgemeines  Gleichbehandlungsgesetz“  als Pflichtseminar vorgesehen. Ferner bietet das Studieninstitut Dortmund ein Seminar mit dem Thema „6 Jahre AGG – Eine Bilanz“ an.

Frage 3:

Welche Initiativen in Herne im Bereich LSBTTI sind der Verwaltung bekannt?

Antwort: Initiativen  in  Herne  im  Bereich  LSBTTI  sind  der  Verwaltung  nicht  bekannt. Es  existiert lediglich  eine  Selbsthilfegruppe  „Transsexuell  im  Mittleren  Ruhrgebiet“  (T-MRG)  beim Bürger-Selbsthilfe-Zentrum (BüZ).

Frage 4:

Welche Beratungs- und Aufklärungsstellen gibt es für LSBTTI und ihre Angehörigen in Herne?

Antwort: Der Verwaltung sind keine Beratungs- und Aufklärungsstellen für LSBTTI in Herne bekannt.  Bei  Anfragen  (z.B.  beim  BüZ  oder  bei  der  Gleichstellungsstelle)  wird  in  der  Regel  auf  die Beratungsangebote des Vereins „Rosa Strippe e.V.“ in Bochum verwiesen. Die Beantwortung zu Frage 5 erfolgt durch Herrn Stadtrat Nowak.

Frage 5:

Gibt es spezielle Initiativen, gerade auch in den Herner Sportvereinen, um Diskriminierungen im Bereich des Sports in Herne abzubauen?

Antwort: Von Seiten der Stadt Herne gibt es keine speziellen Initiativen in Herner Sportvereinen, um  Diskriminierungen im Bereich des Sports abzubauen. Evtl. ist der Stadtsportbund auf diesem Sektor aktiv geworden.

Frage 6:

Welche Konzepte hat die Verwaltung, um Aufklärung zu dieser Thematik zu leisten und insbesondere Jugendliche vor Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Identität zu schützen?

 

Antwort: Auf  der  Grundlage  des  Kinder-  und  Jugendfördergesetzes  (KiJuFöG)  wurde  die geschlechterdifferenzierte Mädchen- und Jungenarbeit als Querschnittsaufgabe aller Träger und  Einrichtungen  der  Kinder-  und  Jugendarbeit  bereits  in  den  ersten  Herner  Kinder-  und Jugendförderplan aufgenommen. In der Abteilung Jugendförderung gibt es darüber hinaus seit 2007 eine Genderbeauftragte.Im  Rahmen  der  geschlechterdifferenzierten  Kinder-  und  Jugendarbeit  werden  Kinder  und Jugendliche  in  den  schwierigen  Wandlungsprozessen  der  Pubertät  begleitet.  Der  kritische Umgang  mit  traditionell  starren  Rollenmustern  und  ein  toleranter  Umgang  mit Geschlechtsrollen  gehören  zum  Selbstverständnis  dieser  Arbeit.  In  allen  städtischen Jugendfreizeiteinrichtungen  haben  sich  dazu  spezielle  Angebote  etabliert,  beispielsweise Mädchen-  und  Jungentage  mit  wechselnder  thematischer  Ausrichtung.  Das  Team  Herne-Mitte  greift  die  Thematik  auch  in  Schulprojekten  auf,  beispielsweise  im  Rahmen  des Aidsprojektes  mit  Schulklassen der  Erich-Fried-Gesamtschule  und  der  Hauptschule Hölkeskampring.

Frage 7:

Inwieweit wirkt die Verwaltung, als Schulträger, auf die Schulen ein, damit die Situation für Schülerinnen und Schüler vor dem, während des und nach dem coming out erleichtert wird und ein nichtdiskriminierendes Klima geschaffen wird?

Antwort: Der Schulträger nimmt auf die inhaltliche Unterrichtsgestaltung der Schulen keinen Einfluss. Gleichwohl  wird  die  dargestellte  Diskriminierungsproblematik  insbesondere  unter  den Gesichtspunkten der Gender-Thematik im Rahmen des allgemeinen Erziehungsauftrages in unterschiedlichen Fächern aufgegriffen (z.B. Biologie oder Gesellschaftslehre).

Frage 8:

Inwiefern ist die städtische Jugendarbeit mit diesem Thema befasst und wodurch trägt sie zu einer Verbesserung für die Jugendlichen bei?

Antwort: In den Einrichtungen der Jugendförderung ist es ein wesentlicher Anspruch gegenüber den Zielgruppen im Bereich LSBTTI für ein tolerantes Klima zu sorgen. Dieser Anspruch setzt bei der  Haltung  und  Vorbildfunktion  der  MitarbeiterInnen  an.  Dazu  besuchen  MitarbeiterInnen Fortbildungsveranstaltungen  (z.B.  zum  Schwerpunkt  Neue  Wege  für  Jungen – „Intersektionalität“  /  Veranstalter  Diversityzentrum  Bielefeld),  werden  Inhouse-Seminare durchgeführt oder eine zertifizierte Ausbildung zum Jungenarbeiter erworben.

Frage 9:

In einigen Städten in NRW gibt es schwullesbische Jugendzentren, die gerade in der oft schwierigen coming out- Phase für Jugendliche einen wichtigen Schutzraum bieten. In Herne gibt es ein solches Zentrum nicht. Welche Anstrengungen wurden von Seiten der Verwaltung unternommen, um diesen Zustand zu verändern und eben solche Schutzräume für LSBTTI-Jugendliche zu schaffen?

Antwort: In  den  städtischen  Jugendzentren  ist  eine  schwul-lesbische  Jugendszene  nicht  spürbar. Jugendliche  outen  sich  meist  erst  in  einem  Alter,  in  dem  sie  schon  über  eine  gewisse Mobilität  verfügen.  Dann  greifen  sie  nach  Kenntnis  der  Jugendförderung  auch  gerne  auf Angebote  in  Nachbarstädten  und  im  Großraum  Ruhrgebiet  zurück,  weil  ihnen  dann  eine Anonymität den gewünschten Schutz bietet.

Grundsätzlich  gibt  es  im  Arbeitsfeld  der  Jugendarbeit  bei  allen  Trägern  eine  Offenheit gegenüber den unterschiedlichsten Jugendszenen, mit denen dann auch bedürfnisorientierte Angebote  entwickelt  werden  und  im  Rahmen  bestehender  Möglichkeiten  auch Raumnutzungswünsche  geklärt  werden  können.  Dies  ist  grundsätzlich  auf  für  die Zielgruppen im Bereich LSBTTI denkbar.Ob ein eigenes Zentrum von diesen Zielgruppen gewünscht wird, kann derzeit aus Sicht der Jugendförderung nicht eingeschätzt werden, da zu diesen Gruppen derzeit keine relevanten Kontakte bestehen.

 

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